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REZENSION/036: Diana Johnstone - Circle in the Darkness (SB)


Diana Johnstone


Circle in the Darkness

Memoirs of a World Watcher



Hätte man Teilnehmenden der gigantischen Demonstration am 10. Juni 1982 in Bonn gegen den NATO-Doppelbeschluß zur Aufstellung neuer nuklear bewaffneter, gegen den Warschauer Pakt gerichteter Pershing-II-Raketen und Tomahawk-Marschflugkörper in Westeuropa gesagt, keine zwanzig Jahre später würde ein wiedervereinigtes Deutschland unter der Führung eines Außenministers der Grünen an einem vom UN-Sicherheitsrat nicht legitimierten Krieg der nordatlantischen Militärallianz gegen die Bundesrepublik Jugoslawien teilnehmen, wäre man ausgelacht und für einen Spinner erklärt worden. Von den mehr als 500.000 Friedensaktivisten, die sich damals am Rheinufer für eine Welt ohne Atomwaffen stark machten, hätte praktisch niemand eine solche Entwicklung für möglich gehalten.


Luftaufnahme eines längeren Autobahnabschnitts mit zahlreichen geparkten Bussen und unzähligen Demonstranten, die zu Fuß unterwegs sind - Foto: Mummelgrummel, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Friedensdemo in Bonn am 10. Juni 1982
Foto: Mummelgrummel, CC BY-SA 4.0
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Und trotzdem hat die Geschichte diesen Verlauf genommen. Die ach so vielversprechende jugendliche Gegenkultur, die in den sechziger und siebziger Jahren gegen den Vietnamkrieg und damit gegen militärische Interventionen der Industriestaaten in der Dritten Welt protestierte, sich im Rahmen diversester Initiativen gegen autoritäre Herrschaftsstrukturen, überkommene Religiosität, Geschlechterungerechtigkeit, Rassismus, soziale Mißstände und Umweltzerstörung auflehnte und die Welt mit neuen, aufregenden Formen der Populärmusik beglückte und begeisterte, hat den "Marsch durch die Institutionen" nicht überlebt. Statt dessen haben diese Institutionen die Hoffnungen und Ideen der Möchtegern-Revoluzzer zu Staub zermalmt und für die eigenen Zwecke umgeformt, während eine global agierende Musikindustrie Pop, Rock, Soul und Hip Hop jedes Quentchen Aufmüpfigkeit ausgetrieben und die Künstler zu Leierkastenaffen des Kapitals degradiert hat - bestes Beispiel die Gangster-Rapper mit ihren Goldketten, tiefgelegten Autos, Macho-Allüren und frauenverachtenden Texten und Videos.


Tausende Friedensaktivisten vor dem Lincoln Memorial versammelt; im Vordergrund ein Plakat mit der Aufforderung 'Get the hell out of Vietnam' - Foto: Frank Wolfe, Public domain, via Wikimedia Commons

Der große 'Marsch auf das Pentagon' der Vietnamkriegsgegner am 21. Oktober 1967
Foto: Frank Wolfe, Public domain, via Wikimedia Commons

Wie es dazu kommen konnte und sich die Hoffnungen von einst als so trügerisch-naiv erweisen sollten ist der Hauptgegenstand der großartigen Biographie von Diana Johnstone, "Circle in the Darkness - Memoirs of a World Watcher". Die 1934 in den USA geborene Journalistin und Sachbuchautorin war schon immer eine wache und kritische Zeugin des Weltgeschehens. Zu ihren frühesten Kindheitserinnerungen gehören die staatlichen Feierlichkeiten in Washington D. C. zur Einführung Franklin D. Roosevelts in seine zweite Amtszeit als US-Präsident im Januar 1937, der Johnstone in Begleitung ihrer vom New Deal überzeugten Eltern als wohl eine der jüngsten Zuschauerinnen beigewohnt hat. Obwohl die Familie aus Minnesota stammte, arbeitete die Mutter zu diesem Zeitpunkt beim Sozialministerium, während der Vater in der Kongreßbibliothek für seine Doktorarbeit forschte. Später sollte letzterer jahrzehntelang als Nuklearkriegsplaner im Pentagon arbeiten. Die Gewissensbisse darüber haben Johnstones Vater zur Niederschrift seiner eigenen Memoiren veranlaßt, welche die Tochter nach seinem Ableben lektoriert hat und 2016 als "From MAD to Madness - Inside Pentagon Nuclear War Planning" veröffentlichen konnte.

1953 besucht Johnstone im Rahmen eines Russisch-Studiums das sozialistische Jugoslawien. Dort wird ihr nach einigen Monaten aus fadenscheinigen Gründen Spionage vorgeworfen. Nach kurzem Prozeß wird sie der Hochschule und des Landes verwiesen. Trotzdem hat sie dort unter ihren Kommilitoninnen einige Freunde fürs Leben gefunden. Nach einer längeren Reise durch Westeuropa kehrt sie in die USA zurück, gerade als die Kommunistenjagd von Senator Joseph McCarthy aus Wisconsin den Zenit seiner Macht überschreitet. Dazu schreibt Johnstone, inzwischen Bibliothekarin bei der Nachrichtenagentur Associated Press in Washington, was ihr damals als Einstieg in den Journalismus vorschwebte, mit der ihr eigenen Nüchternheit und Direktheit:

Über mehrere Jahre hinweg hatten sich McCarthy und die Mainstream-Medien in einem Anflug von tiefstem Zynismus gegenseitig benutzt. McCarthy wußte, daß die Presse seine Enthüllungen über die umfassende kommunistische Unterwanderung verschlingen würde, ohne sich die Mühe zu machen herauszufinden, ob sie wahr oder unwahr waren, denn Kommunistenhetze war "gut fürs Geschäft" und niemand wollte sich dem Vorwurf der Beihilfe des Feindes aussetzen. Journalisten, die genau wußten, daß es sich bei McCarthys Behauptungen um nichts als die unbegründeten Absonderungen eines betrunkenen Phantasten handelten, gaben sie unkommentiert als die reine Wahrheit wieder. Jahrelang machte praktisch das gesamte Washingtoner Pressekorps bei dieser Charade mit. In der Freizeit betrachtete man McCarthy als Witzfigur, während man im Dienst seine Behauptungen mit ernsthaftem Gesicht und bewegter Stimme der Öffentlichkeit servierte. Doch es war alles nur Show, ein Spektakel auf der Basis von nichts als heißer Luft.
(eBook S. 26 in der Übersetzung des Schattenblicks).


Schwarzweißaufnahme der Konfrontation zwischen McCarthy und Welch im Sitzungssaal des US-Senats - Foto: United States Senate, Public domain via Wikimedia Commons

Der historische Augenblick, in dem Kommunistenjäger Joe McCarthy (rechts) den Bogen überspannte, als er Joseph Welch, Rechtsbeistand des Pentagons (links), vor dem US-Senat am 9. Juni 1954 verhörte
Foto: United States Senate, Public domain via Wikimedia Commons

Als 1956 ein enger Freund und Arbeitskollege bei der AP, Herb Altschull, als Korrespondent nach Deutschland geschickt wird, folgt Johnstone ihm dorthin und gibt sich als seine Ehefrau aus. Mit der Zeit werden die beiden tatsächlich zum Paar und bekommen eine Tochter. An der Seite Altschulls lernt Johnstone die Bundesrepublik im allgemeinen und die diplomatische, mediale und politische Elite im ansonsten verschlafenen Nest Bonn im besonderen kennen. Dort widert sie die arrogante Haltung der angloamerikanischen Pressevertreter an. Als nach einigen Jahren am Rheinufer die nicht-amtliche Ehe wegen eines Seitensprungs Altschulls scheitert, setzt sich Johnstone samt Tochter für acht Monate zu Freunden in Rom ab, wo sie in literarisch-intellektuellen Kreisen verkehrt und sich als freie Schriftstellerin zu etablieren versucht. Als dies jedoch nicht gelingt, geht sie an die Universität von Minnesota zurück, um französische Literatur zu studieren. Gegenstand ihrer Doktorarbeit werden die Bücher, Artikel und Pamphlete des großen französischen Schriftstellers, Abenteurers und späteren Kulturministers Charles de Gaulles, André Malraux.

Im Frühjahr 1966 nimmt Johnstone in Minnesota an einer der ersten Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg teil und wird fast verhaftet. Die Erfahrungen in diesem Zusammenhang machen sie zu einer strikten Befürworterin friedlichen Protests und erklärten Gegnerin aller Gewaltakte oder Ausschreitungen, die dem staatlichen Repressionsapparat in die Hände spielen und von den herrschenden Medien zu Propagandazwecken ausgeschlachtet werden können. Im Sommer 1966 fährt sie zwecks Doktorarbeit für zwei Jahre nach Paris. Dort ergänzen Studium und Gegnerschaft zum Vietnamkrieg einander perfekt. Schließlich hatte sich Malraux bereits ab den zwanziger Jahren intensiv mit dem französischen Kolonialismus in Indochina kritisch auseinandergesetzt und die Region mehrfach bereist.


Aufgebrachte Studenten streiken vor der Eingangshalle von Frankreichs berühmtester Universität - Foto: Archives nationales, Public domain, via Wikimedia Commons

Protestierende Studenten an der Pariser Sorbonne am 3. Mai 1968
Foto: Archives nationales, Public domain, via Wikimedia Commons

In Paris erlebt Johnstone hautnah die Proteste von Mai 1968. Ihr Urteil darüber fällt negativ aus. Die jugendlichen Unruhen hätten die kommunistische Partei, damals praktisch die stärkste Partei Frankreichs, schwer und nachhaltig geschwächt; die Ereignisse von damals hätten den Abschied vom marxistischen Klassenkampf und vom Arbeiter als historischem Subjekt eingeleitet, so Johnstone. Über "Danny the Red" Cohn-Bendit, der später große Karriere als Leitwolf der EU-Grünen machen wird, findet sie kein gutes Wort, beschreibt ihn quasi als Schaumschläger und Wichtigtuer.


Porträtfoto eines jugendlichen Cohn-Bendit mit Schnurrbart - Foto: Jac. de Nijs / Anefo, CC BY-SA 3.0 NL https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en, via Wikimedia Commons

Daniel Cohn-Bendit beim Auftritt Ende Mai 1968 in Amsterdam
Foto: Jac. de Nijs / Anefo, CC BY-SA 3.0 NL
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en, via Wikimedia Commons

Nach der Rückkehr in die USA bekommt Johnstone eine Stelle im Lehrkörper der Universität von Minnesota. Von dort aus organisiert die alleinstehende Mutter die erste Bürgerdelegation der USA, die 1970 in Paris - parallel zu den offiziellen Friedensverhandlungen zwischen Washington und Hanoi - mit zivilgesellschaftlichen Vertreter Vietnams direkte Gespräche aufnimmt. In dieser Phase lernt sie Noam Chomsky kennen. Der berühmte Linguist vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Vorzeigedissident der USA wird zum ideologischen Verbündeten. 1972, nachdem ein eigenes Buch zum amerikanischen Militäreinsatz im Vietnam keinen Verleger findet, wird Johnstone Redakteurin für englischsprachige Medien bei der Agence France-Presse (AFP) in Paris. Ihre Meinung von der Presse wird nicht besser. Den Watergate-Skandal bewertet sie als "ersten offenen Eingriff des tiefen Staats in die Politik" und tut die vermeintliche Sternstunde des Investigativjournalismus als Produkt einer antidemokratischen Klüngelei zwischen der Washington Post und deren Quelle "Deep Throat", die später als FBI-Vizedirektor Mark Felt identifiziert werden sollte, ab:

"Nixon war ein Sündenbock. Es spielte keine Rolle, daß er unsympathisch war. Um effektiv als Sündenbock zu fungieren, muß man wohl unsympathisch sein. Der Sturz Nixons war das Ergebnis eines brillanten Komplotts, der die Generationen wieder zusammenbrachte, die sich aufgrund der unterschiedlichen Positionen zum Krieg entzweit hatten. Nun konnten sie sich darüber verständigen, daß Nixon ein Schurke war. Watergate spülte die Sünden der Nation fort. Es bereitete die Wiedergeburt Amerikas vor, zunächst unter der Führung eines unschuldigen Gerald Ford und später des guten Christenmenschen Jimmy Carter, Verfechter der Menschenrechte."
(eBook S. 75, SB-Übersetzung)


Nixon und Breschnew, zusammensitzend und lächelnd, genießen sichtlich den gemeinsamen Bootsausflug - Foto: Atkins, Oliver F., White House Photo Office, Public domain, via Wikimedia Commons

US-Präsident Richard Nixon und Leonid Breschnew, Generalsekretär der KPdSU, am 19. Juni 1973 an Bord der präsidialen Motoryacht USS Sequoia
Foto: Atkins, Oliver F., White House Photo Office, Public domain, via Wikimedia Commons

In ihrer Position zunächst bei der AFP in Paris und von 1979 bis 1990 als Europa-Korrespondentin der linken US-Zeitschrift In These Times verfolgt Johnstone aufs Engste die gesellschaftliche Entwicklung auf dem Alten Kontinent, darunter die Entspannungspolitik Willy Brandts, und stellt mit Bedauern den Siegeszug des Poststrukturalismus in den Philosophie-Fakultäten fest, wodurch der Mensch vom selbstbestimmten politischen Akteur zum Spielball irgendwelcher Strukturen und Kräfte degradiert wird. Michel Foucault, den Hauptverfechter dieser Richtung, kanzelt sie als Person mit einem Wort ab: "unangenehm". Johnstones Abhandlungen in der Biographie über die "bleiernen Jahre" in Italien - Stichwort Gladio -, über den kläglichen Untergang des Eurokommunismus, über die Hintergründe der Attentate 1978 auf den italienischen Christdemokraten Aldo Moro, 1981 auf Papst Johannes Paul II und 1986 auf den schwedischen Premierminister Olof Palme sind extrem aufschlußreich.


Die Regierungschefs der BRD, der DDR, der USA und Österreichs in seltener Harmonie - Foto: Bundesarchiv, Bild 183-P0805-314 - Sturm, Horst - CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons

KSZE-Konferenz in Helsinki, Unterzeichnung der Schlußakte am 1. August 1975 u.a. durch Helmut Schmidt, Erich Honecker, Gerald Ford, Bruno Kreisky
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-P0805-314 - Sturm, Horst - CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE
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Mit zahlreichen deutschen Friedensaktivistinnen befreundet, darunter auch Petra Kelly, begleitet Johnstone wohlwollend die Anti-Atomkriegsbewegung der frühen achtziger Jahre, worüber sie 1985 das Buch "The Politics of Euromissiles - Europe's Role in America's World" veröffentlicht. In Nachhinein macht sie hier die Weichenstellung für die Wiedervereinigung Deutschlands und dessen Aufstieg zur Hegemonialmacht innerhalb der EU aus. Kaum haben sich 1991 Warschauer Pakt und Sowjetunion aufgelöst, da brechen bereits die Sezessionskriege in Jugoslawien aus. Johnstone, inzwischen Pressesprecherin der grünen Fraktion im EU-Parlament in Brüssel bzw. Strasbourg, bereist mehrmals die umkämpfte Region, tauscht sich mit den früheren Freunden im einstigen Tito-Staat sowie zahlreichen Intellektuellen aus und kommt zu einer ganz anderen Bewertung des Geschehens als die im Westen kolportierte Version, wonach die atavistischen Serben am blutigen Untergang des einstigen Vielvölkerstaats allein schuld seien.


Heruntergekommene, kriegsbeschädigte Häuser sprechen eine traurige Sprache - Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Zerstörte Häuser im einst serbischen Dorf Lika Jesnica acht Jahre nach Ende des Kriegs in Kroatien
Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Johnstone hebt die große Mitverantwortung Deutschlands und der USA für das Balkan-Gemetzel hervor und weist auf deren vielfältige Interventions- und Destabilisierungsmaßnahmen im Vorfeld des Konflikts sowie währenddessen hin. Zum Thema Jugoslawien-Krieg hat Johnstone ihr Meisterwerk "Fool's Crusade - Jugoslavia, NATO and Western Delusions" verfaßt. Das Buch stellt die Kriegslügen der westlichen Propagandamaschinerie derart bloß, daß 2003 in Schweden die Übersetzung Johnstone den Vorwurf, eine Leugnerin des "Völkermords" an den bosnischen Muslimen zu sein, einbrachte. Vor diesem unsäglichen Vorwurf haben sie eine Reihe namhafter Publizisten der englischsprachigen Welt, darunter der bereits erwähnte Chomsky, der australische Journalist und Dokumentarfilmemacher John Pilger, der britische Politaktivist und Autor Tariq Ali sowie die indische Romancière Arundhati Roy, mittels eines offenen und lobenden Briefs in Schutz genommen.


Chomsky im Porträt auf einem Podium - Foto: Marcello Casal Jr/ABr, CC BY 3.0 BR https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/br/deed.en, via Wikimedia Commons

Noam Chomsky auf dem World Social Forum im Januar 2003 im brasilianischen Porto Alegre
Foto: Marcello Casal Jr/ABr, CC BY 3.0 BR
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Seit der Jahrtausendwende tut sich Johnstone durch Artikel unter anderem bei Counterpunch, The Nation und Le Monde Diplomatique als unerschrockene Kritikerin jenes "humanitären Imperialismus" - der Begriff stammt von ihrem belgischen Freund, dem politisch engagierten Physiker und Mathematiker Jean Bricmont - hervor, mit dem die USA und ihre Verbündeten einst stabile, aufstrebende Staaten wie den Irak, Syrien und Libyen zugrunde gerichtet und für Chaos in Nordafrika und im Mittleren Osten gesorgt haben. Eine besondere Stärke ihrer Biographie sind die erhellenden Einblicke der Autorin in das politische Leben Frankreichs. Das opportunistische Wirken einiger der einflußreichsten Akteure in Paris wie Jacques Attali, der einst dem sozialistischen Staatschef Francois Mitterand als Berater zur Seite stand und mehrere Jahrzehnte später als Mentor den politischen Emporkömmling Emmanuel Macron mit in den Elysée Palast hievte, und Bérnard-Henri Lévy, der philosophische Hansdampf in allen Gassen, wird ausführlich beleuchtet und genüßlich kommentiert.


Sarkozy und BHL beim Tuscheln auf einer öffentlichen Veranstaltung - Foto: Gyrostat (Wikimedia, CC-BY-SA 4.0), CC BY-SA 4.0  https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Nicolas Sarkozy und Bernard-Henri Lévy bei einer Trauerfeier 2015 für die Opfer der Anschlagserie von Toulouse und Montauban drei Jahre zuvor
Foto: Gyrostat (Wikimedia, CC-BY-SA 4.0), CC BY-SA 4.0
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Zum Ende ihres Buchs beklagt Johnstone die Gleichschaltung der westlichen Medien unter Verweis auf die staatliche Verfolgung von Wikileaks-Gründer Julian Assange sowie auf die Fake-News-Hysterie um den vermeintlichen russischen Hacker-Eingriff in die US-Präsidentenwahl 2016 zugunsten von Donald Trump und zu Lasten von Hillary Clinton. (In Erwartung des von allen Experten prognostizierten Siegs der ehemaligen First Lady, Senatorin und Außenministerin hatte Johnstone bereits 2015 das wenig schmeichelhafte Buch "Hillary Clinton - Queen of Chaos" veröffentlicht). Sie erklärt en Detail die mannigfaltigen Beweggründe Hunderttausender von Franzosen, die sich 2018 und 2019 an den landesweiten Protesten der sogenannten Gelbwesten gegen eine sozial ungerechte Ökosteuer und vieles mehr beteiligt haben. Macron, der Frankreich endlich auf neoliberalen Austeritätskurs bringen will, ließ brutalste Polizeigewalt in Form von Gummiknüppeln, Tränengas und Gummigeschoßen auf seine aufmüpfigen Mitbürger niederregnen.

Rückblickend auf ihr langes Leben gelangt Johnstone zu der traurigen Feststellung, daß während der Depression in den USA mit Blick auf Zukunft mehr Optimismus als in den westlichen Konsumgesellschaften des Überflusses im 21. Jahrhundert herrschte. Für diesen Umstand macht sie unter anderem eine ideologisch verbohrte Linke verantwortlich, die sich von den wahren Nöten der Menschen abgewandt habe und fast nur noch in Sachen "Identitätspolitik" unterwegs sei. Johnstone sieht den öffentlichen Diskurs des Westens aktuell im verbissenen Kampf zwischen "Manipulation und Ehrlichkeit" gefangen. Man muß nicht raten, für welche Seite sie sich entschieden hat.

 

Ein Gelbwestenanhänger mit hochgehaltenem Plakat vor dem Eiffelturm, umringt von Dutzenden martialisch ausgerüsteten Polizisten - Foto: Norbu Gyachung, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Frankreichs Gelbwesten protestieren im Februar 2019 gegen die Verelendungspolitik von Präsident Emanuel Macron
Foto: Norbu Gyachung, CC BY-SA 4.0
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons


5. Juli 2021


Diana Johnstone
Circle in the Darkness - Memoirs of a World Watcher
Clarity Press, Atlanta, 2020
ePub 577KB
ISBN: 978-1-949762-14-3

veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 164 vom 10. Juli 2021


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